Das optimale Zündkerzenbild bzw. Kerzengesicht bei Zweitaktmotoren

 

Kerzenbilder von Zweitaktern im Zwielicht: Das optimale Rehbraun alter Motoren in der heutigen Zeit

Von 50 bis 5.000 ccm gilt: Ist das Kerzengesicht gesund - freut sich der Mensch. Und eine gesunde Kerzenfarbe bedeutet in Zweitakter-Fachkreisen so gut wie immer ein schönes, sattes, tiefes Rehbraun. Dann geht es dem Motor gut, die Vergasereinstellung zwischen zu mager und zu fett ist optimal ausbalanciert, der Motor zieht keine Nebenluft, die Zündung wurde perfekt eingestellt, so geloben es echte Zweitaktfans seit Jahrzehnten. Prinzipiell ist das richtig. Nur wie sieht Rehbraun aus - wie Bambi im Spätsommer? Und wie bekommt man ein schönes Zweitakt-Bambi-Rehbraun nicht nur im Spätsommer hin?

Neben der mageren bis fetten Vergasereinstellung gibt es mindestens noch eine weitere, sehr wichtige Variable die selbst in Fachkreisen gerne vergessen wird: Das Zweitakt-Öl. Die Färbung der Zündkerze ist nämlich vor allem vom Zweitakt-Gemisch abhängig. Selbst bei einer kerngesunden Motoreinstellung stellt sich automatisch nicht zwingend die ersehnte, rehbraune Zündkerze ein, wenn ein billiges, mineralisches Öl gefahren wird. Gegen ein günstiges Zweitaktöl ist generell bei einfachen DDR-Mopeds wie MZ und Simson nichts zu sagen, aber gegen die subjektiven Auswertungen der daraus resultierenden Kerzenfarbe schon.

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Bei einem sehr dunklen Kerzenbild durch ein einfaches, mineralisches Zweitakt-Öl wird nämlich nach der ersten Kontrolle der Zündkerze gerne voreifrig festgestellt, dass die Verbrennung an der Kerze nur eine dunkelbraune Farbe mit schwarzem Rand hinterlässt. Mit der scheinbar logischen Folgerung, die vor weit über 20 Jahren z.B. in der DDR noch galt:

Der Motor läuft eindeutig zu fett! Also werden kleinere Hauptdüsen eingebaut, die Teillastnadel wird eine Stufe tiefer gehängt, die Leerlaufdüse kann evtl. noch eins kleiner. Leider ist das oft ein Trugschluss, der schnell zum Motorkollaps führt. Klemmer, festgegangene Kurbelwellenlager oder ein Loch im Kolbenboden können die Folge sein. Wer Pech hat, stürzt durch ein plötzlich blockierendes Hinterrad. Bei der Einstellerei muss man also höllisch aufpassen. Also ausdrücklich nix für Erstsemester! Ich selbst musste mir im Forum diesen uralten Rennfahrerlagerspruch anhören:

"Eine zu fette Einstellung kostet Leistung, eine zu magere den ganzen Motor...."

 

Vorsicht vor übereifrigem Abmagern beim Zweitakter


Deshalb empfehle ich vor dieser Rosskur erstmal "einen Ölwechsel" auf halbsynthetisches Zweitaktöl. Mit der gleichen Vergasereinstellung entsteht hier nach einer zügigen Überlandfahrt von 20 km plötzlich ohne Veränderungen auf einmal das so gewünschte "Rehbraun" an der Zündkerze - allein durch das halbsynthetische Öl.
Hat man bereits voreilig magerer eingedüst wird die Zündkerze jetzt plötzlich schon gefährlich hell bzw. deutet einen Motorkollaps an, der durchaus möglich ist, weil das einfache, mineralische Öl eine viel zu dunkle Farbe an der Zündkerze angezeigt hat.

Zwischenbilanz: Die alten Rehbraun-Regel scheint mit modernem Kraftstoff nicht mehr ganz so zu gelten wie früher.

Ein weiterer Versuch mit vollsynthetischem Öl der gleichen Marke (bei mir Addinol 408) festigte diese Erkenntnis: Moderne, unverbleite Kraftstoffe hinterlassen kaum noch Verbrennungsrückstände, lediglich das beim Zweitaktmotor mitverbrennende Öl bestimmt das Kerzengesicht. Mit dem vollsynthetischem Öl war eine Beurteilung der Kerzenfarbe kaum noch möglich, da sie sich auch nach über 400 km Fahrt kaum real bestimmen lässt:


Kerzenfarbe im Kunstlicht nach 400 km Überlandfahrt mit vollsynthetischem Zweitaktöl. Mein Urteil: Motoreinstellung ok.



Die gleiche Zündkerze im Tageslicht. Mein Urteil: Die Farbe der Kerze ist kaum bestimmbar, tendenziell vielleicht etwas zu dunkel. Hinweis: Der dukelgraue Rußrand gilt bei DDR-Zweirädern als normal.



Nochmal die gleiche Zündkerze 300 km später nach normalem, gemischten Betrieb im sommerlichem Verkehr mit vollsysnthetischem Zweitaktöl. Der Kerzenrand ist nun wirklich tiefschwarz verust, der Isolator gelblicher, dafür musste ich aber zwei ganz Tankfüllungen Gemisch verfahren. Mit einfachem, mineralischem Zweitaktöl hat man ein solch dunkles Kerzengesicht schon nach 50 km. Die kleinen Partikel könnten winzige Dreckspuren vom kurz vorher neu abgedichteten Luftfiltergehäuse mit neuem Ansaugschlauch kommen.



Und nochmal Kunstlicht: Die gleiche Zündkerze mit einem helleren Kerzenbild nach einer kurzen Autobahnvollgasfahrt. Vergleicht man dieses Bild mit dem ersten Bild oben, sieht man wieder die gleiche graubraune Kerzenradfärbung, der Isolator ist hier aber gelblicher. Die Zündkerze ist übrigens eine 260er Isolator mit 0,6 mm Elektrodenabstand und - seien wir mal ehrlich - während 7.000 km schon sichtbar abgenudelt. Ein Blick auf die Simson Zündkerzen-Gesichter zum Vergleich kann für Anfänger übrigens sicherlich nicht schaden.

Die Teillastnadel habe ich vor dieser Fotosession eine Stellung tiefer gehängt (zweitunterste Kerbe, HD 125, Bing), das Gemisch war also geringfügig magerer. Unterm Strich kann man mit dieser winzigen Änderung der Teillastnadel bei einer Tankfüllung ca.30-40km weiter fahren. Der Kraftstoffverbrauch sinkt dadurch also bei einer alten, 250er MZ um mehr als 10%! Von 5,1 Liter auf 4,6 Liter - auch wenn man es zwischendurch mal ganz "etwas Knacken" lässt.



Die MZ lief so eingstellt auf gerader Strecke flach geduckt 121km/h. Bergab konnte ich flach mit meiner über 40 Jahre alten MZ ES 250/2 unglaubliche, echte 133 km/h fahren - wohlbemerkt mit 19PS und Stollenreifen. Vollgas war kein Problem. Auch die Auspufffarbe am Endrohr sah gesund aus.

Leider, leider, leider klingelte der Motor ganz leicht zwischendurch beim Gas wegnehmen. Und genau das war mit der fetteren Teillastnadeleinstellung nicht der Fall. Dies ist mir zumindest auf der Autobahn dauerhaft zu gefährlich. Eher könnte man die Hauptdüse noch eine Größe kleiner probieren als den Teillastbereich weiterhin so mager zu betreiben. Hier besteht bei meiner BING Einstellung noch winziger Optimierungsbedarf. Vielleicht ist eine anders geformte Teillastnadel der richtige Ansatz. Dazu werde ich nochmal das MZ Forum befragen.

Nachtrag September 2011: Das Problem des Teillast-Klingelns lässt sich einfach beheben
Serien-Teillastnadel BING 4E1 gegen fettere BING 8E1 im oberen Leistungsbereich getauscht - klingeln ist weg!


Variablen für ein gesundes, rehbraunes Kerzengesicht

Vergasereinstellung (Hauptdüse, Teillastnadel, Leerlaufdüse, Leerlaufluftschraube)
Zündungsstellung (Frühzündung, Spätzündung)
Mischungsverhältnis (z.B. 1:50, 1:33 oder 1:70 je nach verwendetem Einsatz, Öl und Motoralter)
Verwendetes Öl (mineralisches-, teilsynthetisches- oder vollsynthetisches Zweitaktöl)
Jahreszeit, Region & Wetter: Höhe, Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit
Fahrweise: Im Stadtbetrieb dunkles Kerzengesicht - auf der Autobahn entsteht eine helle Zündkerzenfarbe
Motorzustand: Luftfilter sauber, Auspuff frei, Kompression ok, Vergaser sauber und natürlich top eingestellt

Erst wenn die Basis-Einstellungen des Motors stimmen und der Zweitakter schon richtig gut läuft, kann man überhaupt einen spürbaren Feinschliff vornehmen, Kerzengesichter nach kurzen Abschnitten vergleichen ect.! Dann macht es Spaß, denn man spürt wirklich winzige Änderungen im Setup und kann den Motor auf seine persönliche Vorlieben trimmen: Sparsam fürs Cruisen im Stadtverkehr oder für schnelle Gaswechsel auf kurvigen Landstraßen oder eher vollgasfest auf der Autobahn mit Gepäck.

An modernen Sport-Motorrädern gibt es heutzutage dafür einen Schalter, wo man genau dieses Motor-Setup per Knopfdruck im Bordcomputer einstellen kann. Allerdings wird es sich dabei in 99% aller Fälle ganz sicher nicht um einen Zweitaktmotor handeln. Auch um keinen modernen Zweitakter ...



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