Simson SR50 Kolben & Zylinder (Garnitur)

 

Tipps & Tricks rund um das Herz des Simson-Motors

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Bei anderen mal zu gucken ist deshalb so spannend, weil man dadurch eine konkrete Vergleichsmöglichkeit zu seinem eigenen Moped bekommt. Allerdings möchte ich Euch davor bewahren, einfach mal so den Zylinder abzunehmen und zu gucken, denn gerade beim Roller geht er schwer wieder drauf und man sollte alles auch ohne Neuteile wieder ca. 100-200 km vorsichtig einfahren, weil sich bei jedem Zusammenbau der Sitz des Zylinders etwas ändert, bzw. eine neue Fußdichtung eingebaut werden muss und die dann etwas dicker oder flacher ist.

Kurzum: Man bekommt den Zylinder auf 10tel und 100stel nicht mehr so auf den Motorblock wie er ursprünglich saß, weil schon alleine die Passung des Zylinders zum Motorblock fehlt. Der Motor verschleißt durch diesen Eingriff, deshalb sollte man sich den Schritt genau überlegen. Bei mir lief der Roller nach Ausschluss anderer Faktoren nur 59 km/h und hatte noch eine Kompression von 6 (maximal errreichbar sind 9 - 9,5). Ein Grund, der Sache mal auf den Grund zu gehen, da ich den angeblichen Kilometerstand auch sehr optimistisch fand.

 

Simson Zylinder & Kolben Montage / Demontage

Gucken ist ganz einfach - wieder zusammenbauen schon etwas schwieriger, denn gerade beim SR 50 liegen Kolben, Kolbenbolzen, Fußdichtung usw. montagefeindlich eng zwischen dem Rahmen. Man kann also mal eben in 10 Minuten den Zylinder abbauen, aber der Zusammenbau kostet wesentlich mehr Zeit / Nerven/ Mühe / Kenntnisse. Zeitaufwand: Mit Dichtungssäuberungen, genauem Anpassen der Dichtungsflächen an die Überströmkanäle, evtl. umbauen der Vergaserflanschdichtung beim Bing, säubern, Auspuffmontage usw. habe ich ca. 3 h für die Demontage und Montage einer anderen Simson-Garnitur gebraucht. Beim nächsten Mal sind es vielleicht noch 2h.

Ein guter Tipp von "Simsonmichel" aus dem Forum ist, zunächst die Motorschwinge vorne zu lösen und den Motor ca. 45 Grad nach unten zu kippen, damit man besser an alle Teile herankommt. Auch das spart Zeit.

Ist der Zylinder abgebaut wird sofort ein sauberes Tuch in das Kurbelghäuse gestopft, damit kein Schmutz und keine kleinen Teile in den Motor fallen können. Insbesondere die Kolbenbolzensicherungsringe (und alte Dichtungreste) fallen bei der De-/ Montage gerne genau in das Loch - ohne Greifarm bzw. Magnet steht man damit vor nahezu unlösbaren Problemen, die schon öfters zur unfreiwilligen Motortrennung geführt haben. Nicht erst warten und weiter rumfummeln sondern sofort ein Tuch fest reinstopfen. Überhaupt müssen natürlich alle Dichtungsflächen und beweglichen Teile penibel gesäubert werden. Dreck an Zylinder und Kolben beim Einbau kostet dauerhaft wertvolle km/h.

Soll der Zylinder und der Kolben getauscht werden: Kolbenbolzensicherungsringe entfernen, Kolbenbolzen herausdrücken, evtl. vorsichtig mit einem passenden Werkzeug herausdrücken ohne das Pleuellager von innen anzukratzen. Das Pleuel darf auch keinesfalls seitlich belastet werden, deshalb schön den Kolben festhalten. Achtung: Beim Herausdrücken des Kolbenbolzens können schon gleich die Anlaufscheiben in das Motorgeäuse segeln, wenn vorher kein Tuch reigestopft wurde!

Beim Zusammenbau würde ich möglichst ein neues Nadellager und einen neuen Kolbenbolzen einbauen, da diese Teile einem hohen Verschleiß ausgesetzt sind. Tauscht man diese Teile mit aus, wird ein alter Motor im Standgas und bei hohen Drehzahlen wieder leiser. Neben den Kolbenringen, ist das einer der Hauptfaktoren für ein "Scheppern und Klickern". Die (neuen) Anlaufscheiben werden mit Fett an das Nadellager gepappt und der neue Kolben mit dem Pfeil oben zum Auslass montiert. Dies ist beim SR etwas fummelig, man braucht Geduld, bis der Bolzen zentriert durch alle Löcher flutscht. Die Kobenbolzensicherungsringe müssen sehr gewissenhaft montiert werden. Also in die Aussparungen genau einschnappen und 100%ig sitzen. Immer daran denken: Wenn sich einer löst, ist die neue Garnitur kaputt.

Werden alte Teile eingesetzt, oder nur die Kolbenringe getauscht bzw. wieder gangbar gemacht ist noch größere Vorsicht geboten. Die Ringe sollten mit Hilfe von 3 dünnen Blechstreifen vom alten Kolben entfernt werden, sie brechen sehr schnell durch. Sind die alten Kolbenringe festgebrannt, kann man trotzdem versuchen sie entweder wieder gangbar zu machen oder es nochmal mit neuen zu versuchen. Neue Kolbenringe in alter Garnitur bringen nicht viel, da sie einfach nicht genau genug passen. Sie müssen unbedingt sorgfältig eingefahren werden.

Bei der Kolbenmontage sollten vorher die Trittbretter des SR-Rollers entfernt werden, denn sonst wird die Fummelei ein reines Glücksspiel, da man nichts sieht und von der Seite keine Werkzeuge benutzen kann. Vor allem das zerstörungsfreie Einführen der spröden Kolbenringe in den Zylinder kostet Nerven. Egal ob die Garnitur neu oder die alt ist: Keinesfalls klopfen, hämmern oder drücken, der Zylinder muss praktisch fast von allein auf die beiden Ringe rutschen, die man gut eingeölt mit den Fingern zusammendrückt. Den meisten fehlt eine dritte Hand bzw. das passende Simson Original-Werkzeug dafür. Es ist ganz wichtig, dass die Kolbenringöffungen in den dafür passenden Nuten sitzen. Wer diese Prozedur noch nie selbst gemacht hat, sollte es möglichst nicht ohne fachkundige Hilfe allein durchführen.

Während man den gut eingeölten Zylinder ganz sanft von oben auf die zusammengedrückten Ringe (in den passenden Nuten liegenend) schiebt muss der Kolben ganz gerade stehen. Es gibt dafür wieder ein Simson-Spezialwerkzeug oder ein selbstgemachtes Brettchen mit einer Aufsparung für die Kurbelwelle. Ich hatte für diese einmalige Reparatur keine Lust zu basteln und habe mich mit zwei Zollstöcken beholfen, die im richtigen Winkel auf der Erde und gleichzeitig plan auf der Zylinderfußdichtung lagen. Ein Trick, der gut funktioniert (siehe Foto).

Sobald der Zylinder auch nur etwas hakt und durch ein Ruckeln nicht weiter auf die Ringe zu bekommen ist sofort alles loslassen und auf der andere Seite des Motors mal gucken, ob sich einer beiden Ringe nicht verklemmt hat. Dies war bei mir zweimal der Fall, danach machte es schmatz und der Simson Zylinder war drauf. Wer die neue Fußdichtung vergessen hat darf das Ganze nochmal machen! Danach ist der richtige Zeitpunkt den Kickstarter ein paarmal vorsichtig mit der Hand zu betätigen damit sich die neuen Teile von selbst möglichst genau zentrieren können. Überflüssig zu erwähnen, dass alles natürlich sehr leicht gehen sollte ...

Die vier Zylindermuttern über Kreuz ganz vorsichtig anziehen. Hier wird durch viel zu starkes Anziehen gerne der ganze Motorblock geschrottet. Achtung: Die Gewinde der Stehbolzen reißen schnell heraus. Als Anhaltspunkt für Leute ohne Feingefühl: Wenn die Muttern packen, dreht man höchstens noch eine Viertel- bis max. eine Halbe Umdrehung sonst macht es "Patsch". Die Muttern sollten nach dem Einfahren nochmal ganz vorsichtig nachgezogen werden, da sich die Fußdichtung gegebenenfalls noch etwas absenkt. Keinesfalls anballern!

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Simson Motor einfahren

Nach der Montage muss der Motor wieder eingefahren werden. Und zwar mindestens 500, besser noch 1000 km. Wer das mit ruhiger Gashand schafft, kann sich später über ein leistungsfähiges und standhaftes Aggregat mit wenig Verbrauch freuen. Frauen können das übrigens fast immer viel besser, weil Ihnen der Testosteronüberschuß im Straßenverkehr fehlt. Trotzdem: Die ersten Kilometer sind wahrlich keine Freude, da sich erst alles langsam einspielen muss. Der Motor läuft rauh, unwillig, springt nicht so toll an wie vorher und man hat das Gefühl auf einem sehr schlappen Moped ohne Leistung zu sitzen. Für alle, die es immer schon mal wissen wollten: So ähnlich fährt sich übrigens ein 45km/h Baumarktroller.

Macht nicht den Fehler mal kurz zu gucken, was der Simson-Roller jetzt bringt, Ihr versaut Euch damit die ganze Leistung, Zuverlässigkeit und Ihr werdet ziemlich enttäuscht sein. Der Roller fährt am Anfang nicht besonders toll, das ist normal. Die ersten 20 km sind besonders kritisch: Die Chance eines Kolbenklemmer ist jetzt am größten, daher ganz vorsichtig losfahren. Sobald der Motor während der Fahrt bremst oder teigig wirkt: Sofort Kupplung ziehen. Geht er aus, erstmal etwas abkühlen lassen. Danach die Düsennadel eine Stufe fetter einstellen. Einige Freaks lassen die Motoren im Stand erstmal 20 Minuten ohne Kraft auf dem Ständer laufen, das geht aber nur mit einem kräftigen Ventilator in Zylindernähe als Fahrtwindersatz. Hier ist ein Klemmer dann kein großes Problem mehr, weil die verkeilten Teile sofort stehenbleiben können. Ganz wichtig ist das gründliche Warmfahren: Hier werden auch später nach der Einfahrphase viel mehr Motoren gekillt, als beim Heißlaufen durch Dauervollgas.

die ersten ein bis zwei Tankfüllungen bei Simson unbedingt 1:33 Gemisch tanken

die ersten 20 Kilometer ganz vorsichtig fahren, zwischendurch mal leicht abkühlen lassen, max. 40 - 45 km/h

im Hochsommer bei den ersten Fahrten vielleicht die Motorabdeckung einfach mal weglassen

der Motor muss bei mittleren Drehzahlen noch ohne Kraft gefahren werden

an Steigungen sofort zurückschalten und langsam mit Viertelgas weiter, auch Bergab keine hohen Drehzahlen
      fahren ohne dem Motor Kraft abzuverlangen: keine Berge, kein Sozius, kein Gepäck

nach 100 ganz braven Kilometern darf man auch schon mal ohne viel Kraft 50 km/h fahren

nach ca. 200 km ist der Motor aus der Klemmer-Risiko-Phase heraus. Wichtig wird jetzt ein permanenter
      Wechsel der Drehzahl mit nur kurz anhaltender Kraft. Also fester mit dem Gas spielen.

ab 300 km darf man den Motor auch schonmal kurz fordern, er wird allerdings nur unwillig hochdrehen,
      das kann man jetzt leicht steigern, aber noch immer keine langen Vollgaspassagen. Max. 55 km/h

nach 400-500 km ist alles fast ganz eingefahren, erreicht aber die V-Max & Höchstdrehzahl noch nicht ganz

wer sich weitere 300-400 km leicht zurückhalten kann erhält einen sehr langlebigen Simson Motor

nach ca. 800 km erreicht der Motor seine maximale Leistung und ist vollgasfest (bei mir erst nach 1200km)

die ersten 300 km sind die Wichtigsten!

Denkt dran: Je leistungsfähiger und jungfräulicher der Motor ist, desto eher klemmt er! Richtig gute Zylindersätze klemmen viel eher, als billige Nachbauten mit viel Spiel. Es kommt nicht so sehr darauf an, bestimmte Geschwindigkeitsbereiche akribisch einzuhalten, sondern den Motor anfangs mit wenig Kraft zu fahren und das dann langsam aber stetig zu steigern. Kontrollierter Verschleiß ist in dieser Zeit pure Absicht, deshalb wird auch absichtlich nicht gleichmäßig gefahren. Auch der Drehzahlbereich sollte langsam immer weiter ausgedehnt werden: Und zwar nach oben und unten, sonst habt Ihr hinterher einen schlappen Motor. Erfahrene Simsonisten spüren beim Einfahren, wie anfangs relativ kraftlose Motorkomponenten mehr und mehr gefordert werden wollen und langsam aber sicher immer mehr Druck machen. Wenn die Teile sich richtig eingespielt haben, kann man noch die maximale Fullspeed-Drehzahl bergab etwas forcieren... ;-)

Nach ca. 1200 km verliert der Motor wieder Leistung, aber ganz langsam. Ein guter Simson-Original-Zylinder hält über 20.000 km bis zum ersten Reparaturschliff. Die günstigen Nachbauten für 35,- EUR sind nicht alle so schlecht wie Ihr Ruf. Trotzdem ist die alte DDR-Ware erste Wahl, wenn das Krümmergewinde noch in Ordnung ist. Und genau hier wirds gerade beim SR-Roller schwierig.

 

Ich habe noch etwas Interessantes zum Thema Einfahren auf www.ostmotorrad.de gefunden:

Quelle: www.ostmotorrad.de "Betriebsanleitung Simson Duo 4/1 1973 - 1981 2.4.

"Einfahren Scheuen Sie keine hohen Motordrehzahlen. Da bei größerer Drehzahl die relative Belastung je Kolbenhub kleiner ist, als wenn der Motor mit kleiner Drehzahl 'gequält' wird, sollen Sie sich von dem lauten Geräusch nicht beeinflussen lassen. Außerdem ist die Luftkühlung bei schnellaufendem Motor besser sichergestellt. Ihrem Motor können Sie stets soviel Gas geben, wie er eben noch annimmt. Am besten prüfen Sie das, wenn der Gasdrehgriff ab und zu geringfügig zurückgedreht wird. Verlangsamt sich der Motor bzw. Fahrzeuglauf dabei nicht, so hatten Sie bereits zuviel Gas gegeben. Diese Methode ist besonders für die Einfahrzeit wichtig. Ihr Motor läuft dann stets mit dem richtigen Kraftstoffverbrauch. Er verarbeitet dann genau die Menge, die er bekommt. Es können hierbei keine Überhitzungserscheinungen und andere Störungen auftreten."