SIMSON SR50 Wissen - allgemeine Details

 

Ist ein Simson-Youngtimer besser als ein moderner Roller?

Eins sollte vor der Anschaffung eines SR50-Rollers klar sein: Den aktuellen Stand der Technik hatte er schon in seinem Erscheinungsjahr 1986 nicht erreicht. Miserables 6V-Licht der ersten Modelle, mechanische Kontaktzündung, das Geschmiere mit den Ölpullen an der Tankstelle durch die fehlende Getrenntschmierung und ein biederes Design mit einem Rentnermoped-Image. Man blickt dabei heute auf 25 Jahre Designgeschichte zurück, wohlbemerkt unter DDR-Bedingungen. Geplant war das Konzept damals vom DDR-IFA-Kombinat so:

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Der Stadtroller war der würdige Nachfolger der sehr erfolgreichen Schwalbe - mit vielen Verbesserungen, aber streng nach dem Simson-Baukastenprinzip. Möglichst viele Teile wurden daher von anderen Modellen benutzt. Wenn man sich das technische Konzept einmal genauer ansieht, ist die Rahmenkonstruktion dieses Rollers technisch nahezu einzigartig. Das biedere Design täuscht.

Da steckt ein Motor mitten zwischen dem Rahmen, um den Schwerpunkt weiter nach unten und vorne zu verlagern. Auf Kosten des tiefen, bequemen Durchstiegs entsteht ein Motortunnel. Durch diese rolleruntypische Position liegt der SR wie die Schwalbe motorradähnlich auf der Straße, der Schwerpunkt ist tief und ein leistungsminderndes Gebläse hinfällig, da der Motor ja im Fahrtwind liegt. Durch den Verzicht auf eine rollertypische Triebsatzschwinge sinkt der Anteil der ungefederten Massen. Nebenbei können Abgasanlage und Vergaser von den anderen Modellen übernommen werden. Ein nahezu perfekt abgestuftes Vierganggetriebe wird zusammen mit dem langhubigen und dadurch kraftvollen Motörchen trotz der 50 ccm mit den steilen Bergen in Thüringen überraschend gut fertig. Große 12 Zoll Räder und ein halbes Endurofahrwerk bügeln das DDR-Kopfsteinpflaster einfach glatt und erlauben echte Schräglagen. Der Roller fährt sich wie ein kleines Motorrad mit Beinschild.

Wer den SR neben einem modern Roller sieht, bekommt auf den ersten Blick vielleicht Mitleid. Aber ich verspreche Euch: Nach einer längeren Probefahrt sieht die Welt ganz anders aus. Bei nur knapp 4 PS zählen im Berufsverkehr plötzlich ganz andere Faktoren als knubbelige Endurobreitreifen und blau beleuchtete Digitaltankuhren. Hier zählt jedes km/h. Ein moderner Roller schafft auch gut eingefahren nur echte 47 und bergab vielleicht 52km/h. Er wird elektronisch gedrosselt und darf in allen EU-Ländern nicht schneller fahren - egal wie schwachsinning dieses Limit erscheinen mag. Dabei verbrauchen manche noch sagenhafte 6 Liter Benzin auf 100 km. Natürlich kann man sie auch illegal schneller machen, aber man fährt dann ohne Führerschein, ohne ABE, ohne Versicherungsschutz durch die Gegend - kurzum: Eine ganz unangenehme und teure Angelegenheit, selbst wenn man bei einem Unfall unschuldig ist zahlt man, denn der Gutachter der gegnerischen Versicherung findet alles - und wenns nur ein klein bischen geänderter Auspuff ist!

Mit einer Simson die vor Februar 1992 in den neuen Bundesländern zugelassen war, darf man legal 60 fahren, ein frisch regenerierter Motor wird es dabei auf 65 km/h oder sogar noch mehr bringen. Bergab bremst nur der innere Schweinhund, bei einem Verbrauch von ca. 3 Litern, selbst wenn man viel Vollgas fährt. Damit kann man auch auf Landstraßen oft noch mitschwimmen. Auf meinem 22 km langem Arbeitsweg macht der Zeit-Unterschied zwischen Auto und Roller nur 5 Minuten aus. Kurzum: Mit 65 km/h ist man kein richtiges Verkehrshindernis mehr.

Aber es gibt im Gegensatz zu moderen Rollern keinerlei Komforteinrichtungen und man sollte Spaß am Schalten haben, sonst wird es anstrengend. Ein Simson Händler aus Paderborn erzählte mir dass es Leute gibt, die mit Ihrem SR über 80.000 km gefahren sind. Trotzdem würde ich immer das Bordwerkzeug mitnehmen und unter uns gesagt: Wer etwas schrauben kann ist klar im Vorteil, denn es handelt sich ja nicht um "Sorglos Neufahrzeuge", sondern um Youngtimer, die schon viel unterwegs waren und oft durch einige Hände gingen.

Hinweis: Die folgende Vor- und Nachteil-Liste gilt für die meisten Simson Kleinkrafträder, nicht nur für den SR50 sondern z.B. auch für die Schwalbe, die S 50 / S51 und viele ältere Modelle der Simson Vogelserie.

 

Pro:

Schützenswürdiges DDR-Design von 1985 (mittlerweile Youngtimer)
Legale 60 km/h Höchstgeschwindigkeit mit Klasse M oder Autoführerschein
Vollgas bergab über 70 km/h errreichbar, kein Drehzahlbegrenzer - nur der innere Schweinehund
Sehr niedriger Benzinverbrauch unter 3 Liter / 100 km
Über 200 km mit einer 6,5l Tankfüllung möglich
3 oder 4-Gang Fußschaltung
Niedriger Anschaffungspreis, niedrige Ersatzteilkosten
Simple Technik, leicht selbst zu reparieren, kaum Spezialwerkzeug nötig
Sehr solide Bauweise, bei pfleglicher Behandlung ungetunt nahezu unkaputtbar
Nahezu wartungsfreie und verschleißarme Kette durch Vollkapselung
Bequeme, lange Sitzbank für 2 Personen + 1 Spezial-Kindersitz optional möglich
Kein nerviger "Arsch-Fön-Sound" bei 8500 U/Min, sondern sonores, dumpfes 2-taktern bei 4500 U/Min
Gutmütiges Fahrwerk mit langen Federwegen und großen 12" Rädern, ausgewogener Schwerpunkt
Relativ klein und leicht
Mit 10 kg belastbarer Gepäckträger, Fernlicht und original DDR Tütenhalter - bietet Audi gegen Aufpreis auch ;-)

 

Contra:

Biederes DDR-Design mit optisch langer Sitzbank, häßlichen Schutzblechen und schmalen Reifen
Kein Kat, keine Automatik, kein großes Sitzbankfach, keine Tankuhr, kein Tageskilometerzähler
Einfache, überforderte Simplex-Trommelbremsen
Nur selten vorhandener E-Starter (ist oft defekt - braucht aber auch kein Mensch!)
Gemischschmierung, oft noch mechanische Kontaktzündung verbaut
Krümmergewinde defekt / Krümmer oft undicht und irgendwas rappelt immer
Trotz der Zuverlässigkeit - wer nicht schrauben kann oder will, nimmt lieber ein anderes Fahrzeug

Eine ausführliche Abschätzung der Vor- und Nachteile des SR-Rollers von einem anderen Autor gibt es hier.