Simson regenerieren

 

Alltagstauglichkeit - wie und wo fängt man bei einem Youngtimer an?

Eine alte Simson ist gekauft, jetzt möchte man am Anfang vielleicht einfach mal 20 km am Stück störungsfrei fahren? Gar nicht so einfach, stellte sich bei mir heraus. Das Problem ist die mangelnde Zuverlässigkeit und die lange Standzeit, die den Mopeds erfahrungsgemäß nicht besonders gut tut. Am Anfang muss man ruhig bleiben und viel Geduld haben, sonst wird das nix. Wenn man am liebsten alles hinschmeißen würde - erst mal einen Kaffee trinken ... das wird schon wieder, man darf einfach nicht aufgeben. Trotzdem, das Fahrzeug besteht aus ca. 2000 (!) Einzelteilen, die alle kaputt gehen können.

Werbung

Eine Simson, die täglich bewegt wird läuft sehr zuverlässig. Lässt man sie ein Jahr stehen, gehts schon los. Zusätzlich sind die Kleinkrafräder oft durch X-Hände einer geradezu schraubwütig-pubertierenden Zielgruppe gegangen - jeder hat dranrumgebastelt, jeder wollte sich verwirklichen. Bei unbekannten, ungepflegten oder zickigen Fahrzeugen empfehle ich den obligatorischen Austausch bzw. die Kontrolle von folgenden Teilen gleich zu Beginn, sonst schiebt Ihr kilometerweit. Und jeden Tag ist wieder was anderes dran - garantiert! Deshalb lieber gleich Stufe 1 einmal komplett abarbeiten und sich hoffentlich freuen. Für die ersten Ausfahrten empfehle ich eine flache Landschaft, ein Handy, ein Kaltgetränk und Joggingschuhe ;-)

 

Stufe I : Zeitaufwand ca. ein Wochende

Neue Zündkerze Marke ISOLATOR mit dem richtigen Wärmewert (240 oder 260) einbauen

Kerzenbild nach 10 km Fahrt unter Last sofort prüfen - es sollte Rehbraun sein. Typische Kerzengesichter .

Zündkabel und Kerzenstecker erneuern

Luftfilter säubern, bzw. erneuern

Masseverbindungen am Motor kontrollieren (Kontaktspray gleich an alle Verbindungen)

Verhärteten, alten Benzinschlauch gegen neuen tauschen, Benzinhahndichtung tauschen, Filter reinigen

Tank muss rostfrei sein, das Gemisch nicht älter als ein Jahr

Alle Bowdenzüge fetten, ölen bzw. gleich durch neue ersetzen. Leichtgängige Bowdenzüge sind ein Genuß!

Getriebeöl alle 2 Jahre wechseln (SAE 80). Kein Automatiköl nehmen!

Reifen aufpumpen ( bis 0,3 Bar mehr als empfohlen)

Düsen und Schwimmerstand kontrollieren, Vergaser säubern: Details dazu unter MZ

Alle Dichtungen Ansaugsystem, Vergaserflansch, Vergasergehäuse, Motorgehäuse kontrollieren

Vergaserflanschdichtugen kontrollieren. Die dicke rote Wärmeisolationsdichtung sollte vorhanden sein

Kettenspannung, Kette, Kettenkasten und Kettenräder kontrollieren

 

Stufe I I : Zeitaufwand ca. 4-5 Tage

Beim BVF-Vergaser: Ausbauen, mit Pressluft säubern, Schwimmernadelventil erneuern, alle Düsengrößen kontrollieren und aufschreiben, möglichst gleich Schwimmer erneuern bzw. die Schwimmerhöhe einstellen (SR50 Vergaser Typ BVF 16N3-2 oder Bing). Eventuell Düsennadelreparaturset einbauen. Vergaser sorgfältig abdichten.

Den ausgebauten Vergaser am Flansch auf Verzug prüfen. Dazu den Vergaser auf eine Glasplatte legen - kippelt es, vor dem Einbau mit 150-280er Schmiergelpapier vorsichtig auf einer Glasplatte planen. In seltenen Fällen ist auch der Flansch am Motor verzogen. Dann Stehbolzen mit einer gekonterten Mutter herausdrehen und ebenfalls planen. Hier hilft oft auch Dichtungspaste.

Beim BING-Vergaser: Ausbauen, mit Pressluft säubern, Schwimmernadelventil ggf. erneuern, alle Düsengrößen kontrollieren und aufschreiben, Vergaserflansch O-Ring kontrollieren ist ganz oft defekt - neuen Ring verwenden.

Um einen Quantensprung an Zuverlässigkeit bei Kontaktzündung zu erreichen: Möglichst gleich den Kondensator und den Unterbrecher Kontakt gegen Neuteile tauschen - Polradabzieher und Polradhalter erforderlich - wirkt aber Wunder. Beim "Polradpull" auf den kleinen Halbmond in der Kurbelwelle achten. Manchmal fällt er raus - manchmal sitzt er bombenfest - also nicht verlieren oder durch Gewalt vermackeln. Danach würde ich unbedingt eine präzise Markierung zwischen der Zündungs-Grundplatte und dem Motorgehäuse machen. Und zwar deutlich, dann muss man hinterher die Zündung nicht wieder ganz neu einstellen, sondern kann sich erstmal an der Markierung orientieren. Beim Roller ist dies ein heikles Thema, weil man ohne das Trittbrett nicht fahren kann - mal eben Zündungeinstellung überprüfen geht hier nicht, vorher muss erst alles wieder zusammenbastelt werden.

Wenn die Zündung mit Grundplatte ausgebaut ist, würde ich auch gleich den Kurbelwellensimmering tauschen. Dazu wird der neue Ring innen auf der Welle leicht eingefettet - außen muß er fettfrei trocken sein. Der Simmering wird vorsichtig in die trockene und fettfreie Fassung mit einem stumpfen, Gegenstand (z.B. einem Hammerstiel, oder einer Ratschenverlängerung) und am besten einem leichten Gummihammer eingeschlagen. Der empfindliche Ring darf sich dabei nicht verbiegen, vermackeln oder verformen, muss aber relativ fest sitzen. Schlagt ihn nicht zuweit rein, sondern bündig zur der Gehäusewand. Nehmt Euch genug Zeit und Ruhe dafür - oder bestellt Euch zur Sicherheit gleich zwei Ringe. Der Simmerring auf der anderen Seite hinter dem Primärantrieb liegt im Öl und hält dadurch länger. Am besten wechselt man ihn gleich mit, dafür wird aber oft ein kleiner Abzieher für das Primär-Zahnrad benötigt.

Auspuff säubern und sorgfältig abdichten, Krümmerflansch benötigt 2 Kupferdichtungen und 2 Sicherungen (Reihenfolge: 1. Verdreh-Sicherungsblech - Dichtung - Krümmer - Dichtung - Krümmermutter - 2. Verdrehsicherung) und muss 3-4x mit dem passenden Hakenschlüssel nachgezogen werden (nicht mit einer Wassserpumpenzange!). Der Auspuff ist bei der SR50 ein sehr heikles Thema weil er gerne undicht wird, man die schlecht erreichbare Mutter ständig nachziehen muss und so langfristig das Krümmergewinde zerstört. Wer jahrelang Ruhe haben möchte nimmt am besten die "Kugelflansch-Lösung".

Dabei unbedingt gleich die Krümmerlänge mit einem Draht nachmessen: 36 cm für die 60 km/h Version - nicht 42 und nicht 46 cm von billigen Nachbauten, das kostet Leistung

Alle Elektroverbindungen (auch Glühlampenkontakte) kontrollieren und mit Kontaktspray einsprühen

Bremsen warten / instandsetzen

Alle Lager, Gestänge, Schalter und Hebel auseinander bauen, säubern und nachfetten

Lenkkopflager überprüfen

Glühlampen gegen neue NARVA-Lampen auswechseln

Alte Reifen und Schläuche erneuern

Evtl. Kettensatz erneuern

 

Stufe I I I : Zeitaufwand ca. 2-3 Tage

Motor regenerieren (lassen): Alle Lager, Dichtungen und Simmerringe werden ersetzt, evtl. feingewuchtete Austauschkurbelwelle, evtl. neue Kupplungsbeläge, evtl. neue Zylindergarnitur bzw. neuer Übermaßkolben und Zylinder auschleifen lassen. Nehmt nach Möglichkeit einen Original DDR-Zylinder und kein billiges Ramschkit aus Rumänien, die halten nur 3000 km.

Richtig ehrgeizige Schrauber können den Motor mit Hilfe eines Werkzeugs und dem Reparaturbuch auch selber spalten und regenerieren. Es gibt im Internet dazu ein hilfreiches Simson Lehrvideo aus den 80er Jahren. Die Verschleißteile selbst sind nicht so teuer, es ist eher ein großer Arbeitsaufwand. Spätestens beim Austausch des unteren Pleuellagers ist aber Schluss mit selbermachen.