Das MZ Motorrad

 

Viele MZ Motorräder waren in den 50er und 60er Jahren in der ehemaligen DDR einfache Gebrauchsgegenstände

Ein MZ Motorrad galt früher in der DDR als wertbeständiges, solides Fahrzeug - ein echtes Arbeitstier, eine Alternative zum Trabant, auf den man als braver Bürger jahrzehntelang warten musste. Aber nicht unbedingt nur deshalb, weil es kaum andere Motorradmarken gab, waren MZ Motorräder im Ursprungs-Produktionsland DDR populär. Sondern auch, weil MZ in den 60er Jahren zumindest technisch hervorragende Gelände-Motorräder baute, die sich durchaus noch mit dem internationalen Standard anderer Hersteller messen konnten. Mit MZ-Motorrädern gewann das Enduroteam der DDR sage und schreibe 6x hintereinander die legendäre Trophy (die heutigen Sixdays). Diese Rennerfolge waren deshalb so legendär, weil es für den ehemals sozialistisch geprägten Klassenfeind gerade in einer so freiheitlich geprägten Sportart wie der internationalen Enduroweltmeisterschaft mit einfachem Material sehr schwierig war, international zu punkten.

Aber genau das MZ Motorrad, das mit den Serienmaschinen fürs Volk natürlich nicht mehr viel gemein hatte - aber noch viel, viel mehr als eine asiatische Werksmaschine zu deren Serienpendant heute. Parallel zu diesen Erfolgen wurde von vielen Motorrad-Fans versucht, mit höchst aufwendigen Mitteln modernes, japanisches Design irgendwie an das MZ Motorrad zu bringen. Die meisten Versuche wirkten gegenüber der japanischen Motorrädern eher lächerlich.
Das MZ Motorrad sah einfach immer ziemlich bieder aus, war es doch in der DDR als reine Arbeitsmaschine für das Volk geplant und nicht als individuelles Spaß- und Sportmobil für Zweirad-Fans. Am Anfang der sechziger Jahre konnten MZ-Motorräder noch in sehr vielen Disziplinen am internationalen Markt mithalten und sogar besser sein als andere. MZ fertigte die ersten elastisch aufgehängten Motoren, produzierten das erste asymetrische Abblendlicht am Motorrad und entwarf die komfortabelsten Serienfahrwerke.

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Ein britischer Reporter schrieb in einem Motorradmagazin Ende der 60er Jahre: "Würde man die Augen schließen, so wäre die MZ ES250/2 technisch wirklich eines der besten Motorräder, die ich jemals gefahren habe"... Das MZ-Motorrad war als Exportmodell damals eben nicht modisch genug.

Was die wenigsten wissen: MZ war zu dieser Zeit unangefochten der größte Motorradhersteller der Welt. Die DDR brauchte unbedingt Devisen und bekam diese z.B. durch den Motorrad-Export mitten in die Hände des Klassenfeindes im Ausland. Irgendwie ahnte man wohl schon, dass dies keine langfristige Strategie war.

 

Das MZ Motorrad in den 70er und 80er Jahren

Anfang und Mitte der 70er Jahre wurde die Luft dann dünner, das MZ-Motorrad war weder stylisch, noch hatte es viel Leistung oder dan gewissen Charme, sondern erfüllte nur noch seine Zweck. Ein Attribut, dass westliche- oder fernöstliche Motorradhersteller mitte der 70er Jahre immer mehr verdrängten. Seit "Easy Rider" war Motorradfahren vom motorisierten Nachkriegs-Fortbewegungsmittel zum reinen Freizeitvergnügen geworden. Hier konnte das funktionelle Design des MZ-Motorrads nicht mehr punkten.

Die Politik des MZ-Motorrads verfolgte aber zu dieser Zeit in der DDR noch immer den Zweck einer reinen, emotionslosen Transportmaschine. Ein Auto war einfach viel teurer und der brave Bürger mußte sehr, sehr lange darauf warten. Durch diese Stagnation gewannen die Japaner einen gewaltigen Vorsprung. Man entdeckte die Macht des Motorrad-Designs und das gefährlich-süße Image des "kultigen Bikers" als Ausdruck seiner selbst. Motorradfahren wurde trendy. Die PS-Zahlen stiegen selbst bei kleinen Hubraumklassen bis zur freiwilligen Selbstbeschränkung. Typische Motorräder dieser Zeit hatten viel mehr Leistung als die Fahrwerke zu bieten hatten. Viele Biker ließen Ihr Leben auf der Straße.

Im Westen als Ost-Billigware verramscht: MZ-Motorräder als Katalogware

MZ Motorräder konnten diesem turbulenten West-Markt weder technisch noch imagegerecht mithalten. Allein durch den westdeutschen Katalog Importeur Neckermann verkam die Marke MZ völlig zum Billig-MZ-Motorrad aus dem damals verabscheuungswürdigen Osten: Das MZ Motorrad kam per Hausmuttikatalog in den Westen. Der kalte Krieg malte dazu noch das Bild des ehemaligen Klassenfeindes.

Selbst der Importriese "Hein Gericke" konnte das MZ Motorrad 10 Jahre später nur unter der Fahne der enormen Wirtschaflichkeit weit unter Preis verkaufen. Das MZ-Motorrad hatte im Westen Mitte der 80er Jahre einfach ein schlechtes Image und überhaupt keine Lobby mehr, weil die Werte der MZ-Motorräder hier im Westen nichts zählten. Hierzulande punktete neue Technik, atemberaubendes Design, PS und Image am Motorrad. In Ländern wie der Türkei, Bulgarien, Rumänien, Jugoslawien, Kuba usw. sah man das offensichtlich pragmatischer: Hier zählte kein Schicki-Micki sondern nur die harten Fakten, die ein wirtschaftliches Kraftfahrzeug erfüllen muss. Das MZ-Baukastenprinzip mit günstigen Ersatzteilpreisen, das die Möglichkeit bot ohne Spezialwerkzeug fast alles selbst reparieren zu können, überschaubare Technik, niedrige Ansprüche an Kraftstoff- und Ölqualitäten, Komfort in Form von echten Offroad-Qualitäten für allerschlechteste Straßen und dazu ein sehr niedriger Kraftstoffverbrauch und eine legendäre Anspruchslosigkeitkeit im täglichen Einsatz.

Niemand fuhr mit einem anderen Motorrad besser durch den harten Winter als mit einer MZ (weil es nichts anders gab...). Solche Aussagen glühen im Nachhinein bis heute noch nach. Das MZ-Motorrad bildete einerseits einen Freiheitsbegriff , andererseits war es frustrierend zu sehen, mit wie wenig Innovationen der DDR MZ-Motorradbau betrieben wurde. Nach der Wiedereingliederung der DDR in die Bundesrebublik wollten die neuen Bundesbürger vor allem eins: Westautos, Japanische motorräder, Hightech-Fahrräder usw.

Zum Schluss wurde die Produktion der veralteten, brav-biederen MZ-Zweitakt-Motorräder an den türkischen Motorradproduzenten Kanuni verkauft. Dieser baute die alten Versionen der MZ-Maschinen leicht aufgepeppt noch ein paar Jahre weiter, dann war Schluß. Die türkischen Motorradfahrer erfreuten sich an den alten, ehrlichen Werten einer klassischen MZ: Günstig, fährt auch auf schlechten Straßen gut, anspruchslose bzw. robuste Technik, sparsam und dazu noch leicht zu reparieren. MZ in Zschopau selbst ruderte noch bis 2008 weiter. Das minimalistische Elektromobil Charly, eine 1000er MZ (Kiloemme), die MZ-Enduro Motorräder Baghira / Mastiff, ein paar 125er für den extrem ausgedünnten, jugendlichen Markt, der viel eher mit 50er Hightech-Rollern zu funktionieren schien statt mit kleinen Motorrädern....

Irgendwann 2008 war dann ganz Schluß mit der MZ Motorrad-Produktion. 2009 wurde das Werk von den ehemaligen Motorrad-WM-Piloten Ralf Waldmann und Martin Wimmer gekauft. Die Zukunft ist ungewiss, seit Oktober 2010 gibt es wieder die ersten Lebenszeichen - es werden neue MZ-Roller hergestellt: Emmely und Anthony

 

Das heutige MZ Motorrad

Das ehemals biedere Design einer klassischen MZ gilt mittlerweile nicht mehr als Manko, sondern ist als deutsches Kulturgut aus Sachsen akzeptiert. MZ follows function. Und bei den alten MZ-Motorrädern darf man heute sicherlich auch schon sagen: Form follows Emotion.

Und genau das macht das MZ Motorrad heute aus. In der Wirtschaftskrise entdecken wir ehrliche, verlässliche Werte plötzlich wieder. MZ ist dafür ein gutes Beispiel: Ein ehemaliger Luxusgegenstand und geradezu das Sinnbild für grenzenlose Freiheit wird in den Köpfen der Konsumenten wieder unauffällig eingegliedert und findet gesellschaftliche Akzeptanz fernab von dekadentem Luxus. Wer z.B. mit einem alten MZ Motorrad durch die Gegend eiert, wird öfter mal darauf angesprochen - ob er will oder nicht.

Das MZ Motorrad ist mittlerweile ein echtes Sinnbild für Konsumgüter im Wandel der Zeiten. Vom "Arme-Leute-Motorrad" zum Kultgegenstand aus dem wilden Osten. Die stark gestiegenen Oldtimerpreise der Marke MZ in den letzen Jahren zeigen dies deutlich. Die klassische 80er-Jahre-Frage "Warum kaufst Du Dir denn kein richtiges Motorrad" hat mir mit meinem über 40 Jahren alten MZ-Motorrad bisher noch niemand gestellt. Sie stellt sich auch nicht, den eine MZ ist ein richtiges Motorrad. Nicht umsonst wurde das MZ Motorrad ETZ 250 erst 2007 bei einer Abstimmung des NDR zum „Beliebtesten Motorrad Norddeutschlands“ gewählt.

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