MZ ES 250/2 Probefahrt und Details

 

Bei jedem weiteren Anblick der ES 250/2 prickelte es in meinem Kopf

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Ich war total angefixt. Ich sah vor meinen Augen den Umbau einer zivilen MZ ES 250 -2 Version in eine solche MZ-Militärmaschine. Ich sah auch, das die ES schon allein über das Fahrzeugdesign irgendwie stark polarisierte: Als Militärmaschine wirkte sie grobschlächtig wie aus dem 2. Weltkrieg, als zivile Variante sah die MZ durch die Scheinwerfer-Tank-Gestaltung sehr eigenständig aus - mit einem Schuß sozialistischem "Ostblock-Charme" und klassischer 60er- Jahre Eleganz.

Dieses, von vielen Westlern in den 70er Jahren als häßlichstes DDR-Motorrad betitelte Modell wollte ich fahren und kaufte kurze Zeit später gegen alle Vernunft einen gut 40 Jahre alten MZ ES 250-2 Oldtimer Baujahr 1969. Ein sogenanntes "Eisenschwein" in ziviler Austattung. Was wußte ich über die alte MZ kurz vor dem Kauf?

MZ ES 250-2 (ES = Einzylinder Schwinge), Zweitakter 250ccm, 17 oder 19 PS, rau aber gutmütig, angeblich relativ verbrauchsarm, für einen Oldtimer halbwegs alltagstauglich, günstig, wartungsfreundlich, sehr robust und vor allem unverwechselbar: Die liebevoll titulierte "Fernsehlampe" der Tank-Scheinwerfereinheit samt Lenker ist mittlerweile Kult. Der Motor hat noch nicht das lieblose Bierkastendesign der moderneren Youngtimer-MZs. Das ganze Gefährt ist noch original aus den 60er Jahren - fast so alt wie ich selbst. Und dann dieser unglaublich satte Zweitakt-Sound ... wooooow, das war genau mein Ding und passte mit all den gutmütigen Eigenschaften genau in mein Motorrad-Fahndungsraster:

robust, unempfindlich, alltagstauglich
ein Fahrzeug - kein Stehzeug, keine Museumsleiche
günstige und problemlose Ersatzteilversorgung
leicht selbst zu reparieren
geringer Kraftstoffverbrauch, günstiger Unterhalt
unverwechselbares Design

Ein würdiger Nachfolger meiner Simson SR50 wechselte für unter tausend Euro den Besitzer. Der Preis war ok, der Motor angeblich neu gemacht, die MZ sah aber trotz neuer Lackierung irgendwie schon etwas müde aus. Klein- und Gummiteile waren porös oder fehlten, der Rahmen war mehrfach übergepinselt, die Reifen platt, aber der Motor klang gut und die Elektrik funktionierte bis auf die Blinker halbwegs. Trotzdem hatte die ES noch zehn Monate TÜV. Innerlich eingestellt auf ein Projekt, das bestimmt über Jahre in mühseliger Kleinstarbeit für meine hohen Alltagsansprüche perfektioniert werden musste, konnte ich eigentlich kaum enttäuscht werden.

Trotzdem war ein 40 Jahre altes Zweitakt-Motorrad mit zig Vorbesitzern aus dem sozialistischen Ex-Osten bestimmt eine große Herausforderung an meine Schraubertalente und meine Geduldsfäden. Ich konnte es mir schon vorstellen bzw. hatte ja bereits die Simson Erfahrung gemacht: Teile tauschen, alles liebevoll einstellen, putzen, polieren und ständige Nervereien durch moderne und teure Technik ersetzen. Vergaser vielleicht (Bing) und Zündung (Vape). Bei DDR-Zweirädern hilft nur die Ruhe, Hektiker haben sofort verloren.

Und so stieg ich auf, startete die MZ mit vier Tritten und fuhr mit Begeisterung ganz vorsichtig keine 1000 Meter, dann war der uralte Hinterradreifen mit dem schiefen Ventil so platt und wabbelig wie eine braune Bananenschale. Dabei wollte ich nur ganz vorsichtig zur 2 km entfernten Tankstelle fahren, um die schlappen MZ Reifen aufzupumpen. Ich schob zurück, baute die Räder aus, ließ neue Reifen aufziehen und fuhr mit Handy, Joggingschuhen und ADAC-Karte bewaffnet zwei Tage später gleich 30 km am Stück problemlos auf der alten MZ. Sie zog wie ein Ochse. Der Verkäufer hatte nicht gelogen: Die MZ fuhr wirklich halbwegs.

Wenn auch sehr rau, bergab mit Schieberuckeln, ohne vernünftiges Standgas, brüllend laut , ohne nennenwerte Bremsleistung, bockig, mit Zündaussetzern, ruckelnd und spotzend, verrauchte jede Kreuzung, erboste blau qualmend die mobilen Mitmenschen in Ihren Bürgerkäfigen, aber sie lief und zog mich bei jedem Gasstoß ungewohnt kräftig nach vorn. Ich konnte mir das Grinsen einfach nicht verkneifen - so war das früher mal. Nach gut 20 motorradfreien Jahren war ich sehr glücklich.

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