Motorradreifen mit Hersteller-Freigabe beim TÜV eintragen lassen

 

Mit Heidenau K66 Niederquerschnitts-Reifen auf einem Oldtimermotorrad zum TÜV-Nord

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Wichtig ist bei allen bauartbedingten Veränderungen und Eintragungen nach §19 am Motorrad, dass man sich VORHER schlau macht. Dies habe ich zwar gemacht - musste aber trotzdem 4 x antanzen, schwitzen und tief in die Rhetorik-Trick-Kiste greifen. Schlußendlich gab es den Eintrag. Ich weiß jetzt wie es geht, aber vorher braucht man als braver Moped-Bürger einen langen Atem. Unten auf der Seite steht, was man bei Reifen-Einzelgutachten beachten muss.

Heidenau K66 110/80-16 auf MZ ES 250/2


Ein 110er Reifen ist für die MZ-ES 250/2 zumindest vorn ungefähr das einbaufähige Maximum. Die Spritzguss-Pickel gleiten gerade noch so am Kotflügel vorbei. Zur Sicherheit habe ich die Federbeine demontiert und den Kotflügel mit zwei Leuten ca. 2 x 5mm nach außen gezogen. Danach war genug Luft da, auch beim Einfedern des Rades.


Auch hinten wurde es etwas eng, da sich die schleifende Zugstrebe der Bremse das Schutzblech über die Jahrzehnte etwas nach innen verbogen hatte. Zwecks neutraler Radflucht musste ich die Kettenspanner etwas verstellen. Der K66 wirkt als 110/80-16 auf der MZ optisch schon imposanter, als ein 3.25-16 Reifen. Die Felge ist hinten normalerweise 2.15" breit und vorn 1.85. Es gibt allerdings MZ-Militärversionen, die vorne auch 2.15er Felgen mit einem 3.50 Reifen ab Werk hatten. Die Größe wurde 1969 aber scheinbar noch nicht in die Felge eingeschlagen und von außen sind sie auch heute schlecht zu messen.


Mir persönlich gefallen moderne Reifenprofile auf Oldtimer-Motorrädern trotz oder gerade wegen des Stilbruchs sehr gut. Vor allem die Fahreigenschaften verbesserten sich durch den Umbau auf Niederquerschnitt mit "Supermoto-Profil" erheblich, soviel kann ich nach den ersten 80 km schon sagen. Die Reifen gleiten viel sanfter in eine Kurve als die Heidenau K41 Enduro-Blockprofil-Reifen, dessen Hinterradreifen bei mir zwar sagenhafte 10.000 km hielt, aber eckig gefahren war und in Kurven nur noch auf einer eckigen Kante rollte. Der breite Vordrradreifen fährt sich in schnell folgenden S-Kurven allerdings etwas steif - sprich: Die Maschine muss mit etwas mehr Körpereinsatz in die Kurven gedrückt werden, als bei schmaleren Pneus. Oki-do, nach einer kurzen Eingewöhnung kein Problem...


Heidenau K66 110/80-16 auf MZ ES 250/2

Das einzige was ich vermisse, ist das unvergessliche Heulen der K41 Reifen durch das trialähnliche Blockprofil. Aus meinen tiefsten Jugenderinnerungen der 80er Jahre heraus empfand ich dieses wimmernde Enduroreifen-Geräusch auf Asphalt immer als einen Supersound von Freiheit, Motorrad-Abenteuer und knackiger Jugend. So wird man konditioniert....
Als verschmerzbarer Nachteil entpuppt sich das etwas höhere Gewicht des K66-Reifens, zumindest gegenüber demK41. Dies beeinflußt die Rotationskräfte, die Massenträgheit und erhöht die ungefederten Massen der MZ, gleicht dies aber mit einer deutlich höheren Laufruhe gegenüber einem leichten Stollenreifen wie dem K41 wieder aus. Die Haltbarkeit des K66 soll laut Tests nicht ganz so gut sein, interessiert mich bei einem Oldtimer-Motorrad mit 19 PS und einem Anschaffungspreis von ca. 55,- EUR pro Rad aber nicht wirklich.


Todo-Liste Reifen-Eintragung / Einzelabnahme beim TÜV nach §19 Absatz 2

1. Reifen-Freigabe vom Reifenhersteller einholen, ausdrucken und genau durchlesen. Steht da was von §19, müsst Ihr zum TÜV, zur Dekra, zur Gtü oder zur KÜS. Das kostet Nerven, Zeit und Geld - vorher überlegen ob es Euch das wert ist!

2. Passt die angegebene Felgenbreite zu den Reifen? Dürfen Schläuche in TL-Reifen gefahren werden (TL=tubeless)?

3. Vor dem Aufziehen genau abchecken, bei welchem Prüf-Laden man das in Eurem Bundesland überhaupt eintragen lassen kann. In NRW ist das z.B. immer noch ganz monopolistisch nur der TÜV-Nord. Im Internet stehen bei den freundlichen Prüf-Institutionen oft falsche Angaben, also rechnet damit, dass es mit einer Einzelabnahme z.B. in einer Großstadt wie Bielefeld morgens um 8.30 Uhr bei der Gtü doch nichts wird, obwohl §19-Abnahmen auf der Webseite stehen. Sie dürfen es nicht. Sie bedauern dann auch die gesetzliche Situation. Man könnte kotzen.

Die Dekra darf es hier in NRW auch nicht. Das würde auch den Wettbewerb beleben, daran hat aber z.B. der TÜV-Nord als Monopolist überhaupt kein Interesse, denn dann müsste der TÜV z.B. seine Öffnungszeiten - derzeitig optimiert für Arbeitslose, Rentner & Schüler - vielleicht mal überdenken. Samstags morgens sind in meiner Großstadt beim TÜV-Nord z..B. keine §19-Freigaben möglich, das sagt einem dort aber keiner, auch wenn man persönlich erscheint. Es gibt Samstags dort auch nur eine Mailbox, telefonische Anfragen werden nur innerhalb der Woche beantwortet. Ich fuhr daraufhin zur nächsten TÜV-Nord Prüfstelle in der 20 km entfernten Nachbarstadt Gütersloh, die Samstags um 10.00 Uhr aber schon hoffnungslos überlaufen war: Kein Wunder, ein einziger Plakettenkleber für eine Ballungsregion mit 500.000 Einwohnern, der Samstags Paragraf 19 Absatz 2 erteilen darf. Das nennt man Monopol.

4. Reifen aufziehen / lassen und wieder einbauen. Erst jetzt könnt Ihr beurteilen, ob die Reifen bauartbedingt passen. Der Abstand zu Karroserieteilen muss mindestens 5mm betragen. Ist er geringer, müssen z.B. die riesigen Schutzbleche der MZ nach Federbeindemontage mit zwei Leuten etwas nach außen gezogen werden. Freilich darf nichts schleifen - auch nicht beim Einfedern.

6. Vorführung beim TÜV. Obligatorisch kontrolliert werden Reifengröße, Felgenbreite, Fahrgestell-Nr., Tachostand, Fahrzeugschein und natürlich die Reifenfreigabe vom Hersteller. Bei mir wurde die 1.85er Felge für einen 110 mm breiten Reifen vom Prüfer moniert, obwohl in der Freigabe von Heidenau stand: "Felge 1.85 - 3.00-16". Auf der Felge ist bei MZ aber keine Breite angegeben. Ich erklärte ihm, dass Heidenau quasi seit Beginn der DDR schon Reifen speziell für MZ-Motorräder produziert und nach 50 Jahren Reifen Know-how für Ostfahrzeuge wohl schon wisse, was an eine MZ dranpasst und was nicht. Ich musste mich auf den Tank setzen zum Einfedern. Der Prüfer kontrollierte die Abstände. Schließlich gab er mir den Segen. Kosten ca. 30,- EUR.

7. Umtragen beim Strassenverkehrsamt. Fahrzeugbrief(!) nicht vergessen! Und natürlich Fahrzeugschein und den Prüfbericht. Gebühren ca. 12,- EUR. Nach einer halben Stunde von 7.00-7.30 Uhr in der Früh warten: Geschafft !

8. Darüber nachdenken, ob das alles wirklich nötig war, denn die Eintragung hätte auch schiefgehen können. Danach wieder zum Reifenhändler, frustriert Standardreifen bestellen und die neuen Reifen wieder demontieren (lassen)... Die gelten dann allerdings samt Schläuchen auf dem Markt als bereits gebraucht. Ziemlich ärgerlich. Also vorher überlegen, ob man dieses Risiko wirklich eingehen will. Man sollte dieses Worst-Case-Szenario von vornherein mit einkalkulieren.


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